Roland Bärwinkel

Mein See

Hier gruben sie sich in der Tieflandebene durch den Lößboden, die ertragreiche Erde, nach der Eiszeit angeschwemmt, die nun schon mehrere tausend Jahre vom Ackerbau beherrscht und vom Wind abgetragen wird. Hier schaufelten sie in immer tiefere Schichten den Kies heraus für den Bau der Reichsautobahn, direkt an meinem Dorf nahe Magdeburg, und für den Mittellandkanal. Hier stießen sie auf Scherben und Skelette und Mammutzähne. Hier sprachen die Bauarbeiter Bördeplatt, wie es keiner meiner Generation mehr beherrscht, aber noch die beiden alten Damen aus dem Heimatverein, die in dieser Sprache Geschichten überliefern. Hier stand der Zug mit den französischen Kriegsgefangenen, drei Tage ein Stöhnen und Wimmern und Schreien und Gewehrsalven. Hier tropfte aus dem Holzboden eines Waggons Blut, sagte später der Stationsvorsteher. Hier saß der kommandierende SS-Mann, aß bei ihm zu Mittag und verbot der Bevölkerung, Brot oder Wasser heranzuschleppen, verbot auch den Kindern, sich den Gleisen zu nähern. Hier wollten viele, dass die Arbeitsscheuen und Schwerverbrecher so schnell als möglich weiterführen. Hier musste ein Bauer seinen Wagen anspannen, auf den Häftlinge gestorbene und ermordete Kameraden stapelten und im Lindenwald des Sees mit bloßen Händen vergruben. Hier stürzte ein amerikanisches Flugzeug in die Pappeln, und schneller als der Volkssturm vom anderen Ende des Dorfes herangeeilt kam waren Bauern mit ihren Mistgabeln und Sensen. Hier umrundeten einmal Friedensfahrtteilnehmer den See, und wir hatten Lederhosen an und dünne Beine und winkten ihnen zu. Hier stand unbeweglich der gebeugte Riese mit dem Holzbein, den sie nur sibirischer Bär nannten. Hier fingen wir Krebse und trieben sie aufeinander zu. Hier lag der Krüppel in seinem dreirädrigen Wagenkarren am Ufer und sein Gesicht zuckte wie unter Strom, wenn wir ihn nass spritzten. Hier gewann ich einen Tauchwettbewerb unter älteren und durfte dafür einer Rettungsschwimmerin unseres Dorfes unter Wasser an die Brust fassen. Hier sprang einer an seinem Geburtstag angetrunken von der eisernen Elefantenrutsche kopfüber ins flache Wasser und blieb gelähmt. Hier kam ein Mann im Alter meines Vaters in Dreieckbadehose auf unsere Decke zu und flüsterte, die Russen sind bei den Tschechen einmarschiert und dann schimpfte er, und meine Eltern sagten zu uns, dass wir das gefälligst nicht gehört und die Klappe zu halten hätten. Hier jagten wir beim Manöver Schneeflocke über das Eis, mit Krückstöcken unserer Vorfahren spielten wir Eishockey. Hier hörten wir vom Unglück Gagarins. Hier verbrachten meine Cousins den Sommer im Zelt, und ich beneidete die beiden um ihr Kofferradio und die Freiheit und die Mädchen an ihren Schultern. Hier stieg ein Schulfreund in ein kornapfelgelbes Gummischlauchboot und paddelte in die Mitte des Sees, und ein Gewitter stürmte heran und Hagel, und er schrie und ruderte um sein Leben, weil er ein Angsthase war. Hier stand rauchend an der Kreuzung, die ins Dorf oder zur Abdeckerei führte, ein junger Sowjetsoldat mehrere Tage, und eine alte Frau brachte ihm nachts Stullen und Tee. Hier flüchtete ich beim Krieg spielen im Maisfeld in einen zugewachsenen Bombentrichter, um mich in Gedanken an eine Isolde zu erleichtern. Hier durchforsteten Truppen von der Garnison die Lauben und Büsche, die Sanitäranlagen, die Boote und den Kiosk, bevor sie ins Dorf kamen, weil sie einen Deserteur suchten, wie der Pfarrer vermutete. Hier zeichnete auf Millimeterpapier unser Geschichtslehrer Zahlen und Truppenstärken und Schlachten auf, und wir bekamen nicht mit, wie er damit aufhörte und nur noch Kreise malte und später Zacken und irgendwann dasaß ohne Blick. Hier kam seine Frau angehetzt und fragte in Panik, ob wir ihn gesehen hätten. Hier haben alle mitgesucht und ihn rechtzeitig gefunden, und dann kam er in ein Heim und dann versuchte er es ein zweites Mal. Hier las einer stundenlang das Neue Deutschland, vor dessen Stimme wir uns fürchteten, und von dem mein Großvater sagte, früher dunkelbraun und heute blutrot. Hier rauchten wir geklaute alte Juwel. Hier verteilte eine Schulfreundin Kaugummikugeln und ich ging leer aus. Hier wollten beim Barfußbolzen im Sand der schrägen Uferböschung plötzlich alle Sparwasser oder Netzer oder Cruyff sein. Hier brachte einer seinen Verwandten aus dem Westen mit, der die Haare so lang wie Jesus hatte. Hier sollte Angela Davis vorbeifahren, und wir hatten schulfrei, aber warteten umsonst. Hier prügelte sich einer mit Zwillingen, die behaupteten, ihr großer Bruder wüsste, was seine Mutter für eine Schlampe sei/ist. Hier schwärmte meine Schwester von einem ledernen, vorne zu knöpfenden Minirock, den ihr die Eltern mit einem so läufst du uns nicht da draußen rum verweigerten. Hier sang einer Wish you where here, und wir wussten, wen er meinte. Hier grübelte ich darüber nach, was ich werden und nicht werden wollte und fand keine Antwort. Hier erzählte einer kurz vor meiner Einberufung von der Zahnbürste, mit der er das Klo sauber machen musste und von einem, der sich auf Wache erschossen hatte, weil seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hatte. Hier tauchte plötzlich der Zahnarzt nicht mehr auf, weil er im Westen geblieben war. Hier legte sich einer, getrennt von uns und den anderen, nah ans Schilf auf sein Handtuch, noch jung und schon grauhaarig, und wir wussten, dass er lange Zeit weg gewesen war und mit niemandem mehr sprach. Hier sehnte ich mich nach dem Meer. Hier ging eine Staatsbürgerkundelehrerin ins Wasser und soll einen Brief hinterlassen haben, von dem sie sich im Dorf unterschiedliche Versionen erzählen.

Erstdruck in "Sinn und Form", Heft 6/2008.
Alle Rechte beim Autor.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors.