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An eine Dreizehnjährige

Dirk von Petersdorff

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Wenn du mor­gens in die Küche kommst,
schaust du wie eine Eule,
in den hell­lich­ten Tag versetzt.
Diese Arme, die an dir hängen,
mit denen du schlen­kerst, sind deine Arme.
Ein Tag wider­spricht dem anderen:
Deine Haare bür­stest du nie –
unun­ter­bro­chen bür­stest du deine Haare.
Als Rät­sel mit Locken
hockst du stundenlang
in unse­ren Ses­sel gefal­tet, die Beine verknotet,
und aus die­sem Ses­sel­nest lächelst du
oder fin­sterst herab, wie der Himmel,
end­los grau – tief­stes Blau –
Warum? «Ein­sil­big» heißt,
alle Fra­gen mit einer Silbe
oder einem Knur­ren zu beantworten.
Denn du hast ande­res zu tun,
du schnaufst, pru­stest, du heulst und lachst,
alles zugleich, und so sagst du die Wahrheit
über uns, denn so unfertig
sind wir auch, im Über­gang, auch wir
ver­pup­pen uns, wer­fen stän­dig etwas ab –
wie du deine Schaffelljacke,
die ich über­all im Haus finde, aufsammle
und in dein Zim­mer trage.

Im Som­mer schlurfst du als Novem­ber herum,
aber mit­ten im Winter
wirst du eupho­risch, deckst den Tisch
für uns alle, spürst das Frühjahr,
schnei­dest sin­gend Salat,
und wenn du jetzt in den Wald gingest,
kämest du mit einem Korb
vol­ler Erd­bee­ren zurück.
Du bist so nah, so fern,
mein lie­bes Kind,
das hin­ter einer Glas­wand steht
in einem T‑Shirt mit einem blauen
Ele­fan­ten, selbst bemalt.
Ver­tau­melte Tage, Halbschlafwelt –
Aus dei­nem Zim­mer trage ich
einen Joghurt­be­cher mit Schimmelkultur
und ein Müsli, hart geworden
wie Mör­tel: Man könnte ein Haus damit bauen.
Du aber willst kein Haus, son­dern auswandern,
ja, du wirst auswandern,
du glor­rei­ches Phantom –
so hüpft die Schon­heit die Treppe hinunter
und berührt sie kaum.
Dann aber zer­knautscht wie die große Stoffkatze,
die neben dir schläft. Das freie unbe­küm­merte Kind,
bist du es noch? Irgend­wie schon,
denn nichts behält seine Gestalt
und nichts geht ver­lo­ren. »Wohin gehöre ich?«
fragt dein Zahnspangenlächeln,
wenn du abends in die Küche kommst.


Aus: Unsere Spiele enden nicht. Gedichte, C.H. Beck Ver­lag, 2021. S. 7f. Alle Rechte beim C.H. Beck Ver­lag. Ver­öf­fent­li­chung mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des C. H. Beck Ver­la­ges und des Autors.

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