Dirk von Petersdorff
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Wenn du morgens in die Küche kommst,
schaust du wie eine Eule,
in den helllichten Tag versetzt.
Diese Arme, die an dir hängen,
mit denen du schlenkerst, sind deine Arme.
Ein Tag widerspricht dem anderen:
Deine Haare bürstest du nie –
ununterbrochen bürstest du deine Haare.
Als Rätsel mit Locken
hockst du stundenlang
in unseren Sessel gefaltet, die Beine verknotet,
und aus diesem Sesselnest lächelst du
oder finsterst herab, wie der Himmel,
endlos grau – tiefstes Blau –
Warum? «Einsilbig» heißt,
alle Fragen mit einer Silbe
oder einem Knurren zu beantworten.
Denn du hast anderes zu tun,
du schnaufst, prustest, du heulst und lachst,
alles zugleich, und so sagst du die Wahrheit
über uns, denn so unfertig
sind wir auch, im Übergang, auch wir
verpuppen uns, werfen ständig etwas ab –
wie du deine Schaffelljacke,
die ich überall im Haus finde, aufsammle
und in dein Zimmer trage.
Im Sommer schlurfst du als November herum,
aber mitten im Winter
wirst du euphorisch, deckst den Tisch
für uns alle, spürst das Frühjahr,
schneidest singend Salat,
und wenn du jetzt in den Wald gingest,
kämest du mit einem Korb
voller Erdbeeren zurück.
Du bist so nah, so fern,
mein liebes Kind,
das hinter einer Glaswand steht
in einem T‑Shirt mit einem blauen
Elefanten, selbst bemalt.
Vertaumelte Tage, Halbschlafwelt –
Aus deinem Zimmer trage ich
einen Joghurtbecher mit Schimmelkultur
und ein Müsli, hart geworden
wie Mörtel: Man könnte ein Haus damit bauen.
Du aber willst kein Haus, sondern auswandern,
ja, du wirst auswandern,
du glorreiches Phantom –
so hüpft die Schonheit die Treppe hinunter
und berührt sie kaum.
Dann aber zerknautscht wie die große Stoffkatze,
die neben dir schläft. Das freie unbekümmerte Kind,
bist du es noch? Irgendwie schon,
denn nichts behält seine Gestalt
und nichts geht verloren. »Wohin gehöre ich?«
fragt dein Zahnspangenlächeln,
wenn du abends in die Küche kommst.
Aus: Unsere Spiele enden nicht. Gedichte, C.H. Beck Verlag, 2021. S. 7f. Alle Rechte beim C.H. Beck Verlag. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des C. H. Beck Verlages und des Autors.